Freitag, 5. Juni 2026
Patientenorientierte Sprache: Warum Krankheitsbegriffe sich ändern
Wirkstoffnamen, Indikationen, Claims: In der Pharma-Kommunikation wird Sprache seit jeher strategisch entwickelt. Zunehmend rückt dabei auch die Frage in den Fokus, wie Krankheiten selbst benannt und beschrieben werden. Denn Begriffe können Stigmatisierung verstärken, Fehlannahmen fördern und damit die Versorgung beeinflussen.
Ein aktueller Treiber ist die wachsende Sensibilität dafür, dass Krankheitsnamen unbeabsichtigte soziale Folgen haben können. Das betrifft nicht nur die öffentliche Debatte, sondern auch klinische Praxis, Medienberichterstattung und den Zugang zu Prävention und Therapie.
Wenn der Name zur Barriere wird: Beispiel mpox
Während des Ausbruchs 2022 wurde besonders deutlich, wie schnell ein Krankheitsname problematische Assoziationen auslösen kann. Der historische Begriff „monkeypox“ bezog sich auf frühe Beobachtungen aus den 1950er-Jahren und wurde später für Erkrankungen beim Menschen etabliert, lange bevor die WHO 2015 Empfehlungen für eine möglichst folgenarme Krankheitsbenennung veröffentlichte.
In der Praxis wurden dabei zwei Risiken sichtbar: Zum einen kann ein Name geografische Zuschreibungen verstärken und Vorurteile gegenüber Regionen befördern, in denen eine Erkrankung endemisch ist. Zum anderen kann er, wenn ein Ausbruch bestimmte Communities überproportional betrifft, zusätzlich stigmatisieren und die Bereitschaft senken, sich testen, behandeln oder impfen zu lassen.
Adipositas: Weg von reinen BMI-Kategorien
Auch etablierte medizinische Begriffe werden neu bewertet. Ein Beispiel ist Adipositas und die starke Orientierung am Body-Mass-Index (BMI) als definierendes Kriterium. Sommer Bazuro, Ph.D., Chief Medical Officer bei Omnicom Health, beschreibt Adipositas als komplexe, chronische Erkrankung mit häufigen Begleiterkrankungen, die sich nicht sinnvoll auf eine einzelne Zahl reduzieren lasse.
In der Diskussion gewinnen Formulierungen wie „klinische Adipositas“ und „präklinische Adipositas“ an Bedeutung, weil sie stärker die gesundheitlichen Auswirkungen und das Risiko berücksichtigen. Ziel ist eine präzisere Einordnung, um Über- und Unterdiagnosen zu vermeiden und Behandlungsentscheidungen stärker an der Gesamtgesundheit auszurichten.
Für die Kommunikation ist zudem relevant, dass stigmatisierende Frames die psychische Belastung erhöhen und Menschen davon abhalten können, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Gleichzeitig beeinflusst die sprachliche Einordnung, ob Adipositas als Erkrankung und damit als versorgungsrelevantes Thema wahrgenommen wird.
Von PCOS zu PMOS: Präziser benennen, Versorgung besser steuern
Wie stark Namen die Wahrnehmung eines Krankheitsbilds prägen, zeigt auch eine jüngere Umbenennung: Das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) wird inzwischen als Polyendokrines Metabolisches Ovarialsyndrom (PMOS) bezeichnet. Bazuro begründet den Schritt damit, dass die frühere Bezeichnung in die Irre führen könne, weil sie den Fokus auf Ovarialzysten lege, die für die Diagnosestellung nicht zwingend erforderlich sind.
Eine stärker systemische Benennung soll besser abbilden, dass neben gynäkologischen Aspekten auch Stoffwechsel, Fertilität und psychische Gesundheit eine Rolle spielen. In der Folge kann das helfen, fragmentierte Versorgung zu vermeiden, weil die Erkrankung nicht auf ein einzelnes Organsystem reduziert wird.
Fitzpatrick-Skala: Wenn alte Kategorien in Forschung und KI weiterwirken
Nicht nur Krankheitsnamen, auch Klassifikationssysteme können sich verselbstständigen. Die Fitzpatrick-Skala wurde in den 1970er-Jahren entwickelt, um die Reaktion verschiedener Hauttypen auf UV-Strahlung, insbesondere das Risiko für Sonnenbrand und Bräunung, zu beschreiben. Nach Einschätzung von Bazuro wird sie heute jedoch häufig als Ersatzmaß für Hautfarbe, Ethnie oder sogar „Rasse“ genutzt, etwa in Dermatologie, klinischen Studien, Ausbildung oder Datensätzen für KI.
Das birgt aus ihrer Sicht relevante Limitationen: Sechs Kategorien bilden die Vielfalt der Pigmentierung nur grob ab und können uneindeutige oder sozial geprägte Begriffe in wissenschaftliche Kontexte übertragen. Gleichzeitig ist die Differenzierung klinisch relevant, weil Hautkrebsrisiken und die Erscheinungsbilder von Erkrankungen wie Psoriasis oder Ekzemen je nach Hautton variieren können. Wenn Symptome auf dunklerer Haut anders aussehen, können Fehldeutungen und verzögerte Diagnosen die Folge sein.
Vor diesem Hintergrund werden neue Skalen diskutiert, die Hauttöne breiter und wissenschaftlich präziser erfassen sollen, um Forschung, Diagnostik und auch KI-Anwendungen belastbarer zu machen.
Was das für Pharma-Marketing und Medical Communication bedeutet
Für pharmazeutische Unternehmen ist der Trend mehr als Semantik. Begrifflichkeiten beeinflussen, wie Erkrankungen verstanden werden, wie Betroffene sich angesprochen fühlen und wie Versorgungspfade gestaltet werden. Wer in Kampagnen, HCP-Kommunikation oder Patient Education arbeitet, muss daher prüfen, ob Sprache ungewollt Schuldzuweisungen, falsche Bilder oder Ausschlüsse erzeugt.